EuroCIS 2019: Der Handel setzt auf mehr Intelligenz

Fast 500 Aussteller aus rund 40 Ländern – die EuroCIS 2019 hat gezeigt, wohin die Reise im Handel geht. Künstliche Intelligenz war das alles beherrschende Trendthema.

Sieht so das stationäre Einkaufen in der nahen Zukunft aus? Paul hat auf jede Frage eine Antwort – wo was im Laden zu finden ist und ob ich das auch in einer anderen Farbe oder Größe bekommen kann? Er ist einfach ein Traum von Verkäufer, höflich, hilfsbereit, niemals aufdringlich.

Und vor allem nicht menschlich. Wie sein Kollege Tory ist auch Paul ein Roboter, entwickelt vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart und der Weinheimer Online Software AG. Er weiß deshalb so gut über alles Bescheid, weil ihm die Künstliche Intelligenz (KI) vorab alle nötigen Informationen „geflüstert“ hat.

Verkaufsassistent und Inventurhelfer

Die umfassenden Servicekompetenzen des Verkaufsroboters, der bereits seit einigen Jahren als Prototyp im Saturn-Markt Ingolstadt Dienst tut, basieren auf der Anbindung an vorhandene Softwaresysteme, kontextsensitiver Sprachinteraktion, Gesichtserkennung und VoIP-Konnektivität.

Tory vom Robotik-Unternehmen MetraLabs dagegen, ebenfalls auf der EuroCIS zu sehen, soll sich vor allem bei der Inventur nützlich machen. Munter fährt er durch den Laden und zählt – zuverlässiger und sehr viel schneller, als es ein Mensch könnte. Immer vorausgesetzt natürlich, das, was Tory zählen soll, trägt einen RFID-Chip. Gut sehen kann er auch: Er erkennt, ob alles am richtigen Ort steht und in genügender Menge vorhanden ist.

Ob Kunden in Zukunft wirklich die Hemmschwelle überwinden werden und mit Paul, Tory und ihren Kollegen kommunizieren, muss sich erst noch herausstellen. Sicher ist, dass der Handel große Erwartungen an das Thema KI und ihre Einsatzgebiete knüpft.

Wie nahezu alle Branchen ist auch der Handel zunehmend datengetrieben. Die EuroCIS 2019 hat eindrucksvoll untermauert, dass Technologie auch für Retailer zum entscheidenden Faktor im Wettrennen um die Gunst des Kunden wird“, war von der Messe Düsseldorf als Veranstalter zum Messeabschluss zu hören.

Künstliche Intelligenz als Technologietrend

Und nach der in Düsseldorf vorgestellten Studie „IT-Trends im Handel“ des Kölner EHI Instituts nannten fast 70 Prozent der Befragten die Künstliche Intelligenz als den wichtigsten aktuellen Technologietrend. Dabei geht es den Einzelhändlern weniger um das Kauferlebnis als solches, sondern vor allem um Planungs- und Prognosesoftware für Pricing, Absatzplanung, Bestandsmanagement und Disposition.

Kurz gesagt und auch auf der Messe immer wieder zu hören – intelligente Software soll dabei helfen, Routineaufgaben besser und schneller zu erledigen. Christian Wehner, SAP Digital Ambassador & Thought Leader für SAP CX, erntete viel Zustimmung mit seiner „Think New. Transform Now.“ Session, als er forderte, dass sich der Handel neuen Denkweisen nicht verschließen dürfe.

Es geht darum Perspektivenwandel zuzulassen, neue Geschäftsmodelle zu entdecken und den Kunden ins Zentrum aller Aktivitäten zu stellen“, so sein Appell. Und er demonstrierte, wie Künstliche Intelligenz und IoT bereits heute bereits dazu beitragen, innovationsfreundliche Umgebungen in Handelsunternehmen zu schaffen. Anhand von Best Practices wie beim SAP-Kunden Swarovski konnte er aufzeigen, wie die gelebte „Customer Omnichannel Experience“ der Zukunft aussieht.

Die Basis für neue Geschäftsmodelle ist geschaffen – es mangelt ja nicht an Daten, sondern daran, sie intelligent auszuwerten und die Ergebnisse in die Praxis umzusetzen, um dem Kunden im Geschäft ein zufriedenstellendes Kauferlebnis zu geben. Personalisierung heißt das Zauberwort und Realisieren von Kundenbedürfnissen. Kein potenzieller Käufer soll mehr frustriert den Laden verlassen, weil es das Gewünschte nicht in der gesuchten Ausführung gibt.

Personalisierung heißt das Zauberwort

Da kann der digitale Verkaufsassistent den Kunden über Verfügbarkeit, Größe oder Farbe informieren und der Verkäufer bestellt es online. „Interaktion mit dem Produkt“ heißt die Devise. Dazu sollen auch Location Based Services beitragen, mit denen die Händler ihre Kunden ins Geschäft einladen. Denn auch, wenn der Kaufwillige einmal ohne Einkaufstüte geht, soll er nach dem Besuch motiviert werden, zu kaufen. Ihm werden dazu auf seinem Smartphone oder dem PC individuell für ihn ausgesuchte Produkte aus dem Onlineshop präsentiert.

Wer kennt das nicht? Noch ist nicht ganz Sommer, schon setzt der Handel den Rotstift an und reduziert, weil die Herbstwaren bereits in den Lagern liegt. Auch hier kann KI helfen und etwa eigene Verkaufsdaten mit Wetterprognosen zusammenbringen, um so den Verkauf besser zu steuern. Soll nachgeordert werden oder sind eher Preisreduzierungen sinnvoll? Sollen Bestellungen auf mehre Produktionszyklen aufgeteilt werden?

Künstliche Intelligenz kann hier dabei helfen, den Verkauf besser und genauer zu steuern, weil sie große Datenmengen analysiert und auf dieser Basis fundiert Empfehlungen gibt. SAP und IBM haben zum Beispiel gemeinsam das lernfähige Prognosetool „Cognitive Demand Forecasting“ entwickelt, dass eben diese Wetterdaten nutzt, um die Nachfrage nach bestimmten Produkten oder an bestimmten Standorten noch treffgenauer zu vorher zu sagen.

Jetzt ist die Zeit der praktischen Umsetzung

Viele dieser Trends hat die EuroCIS auch schon in den letzten Jahren präsentiert. Doch jetzt ist der Zeitpunkt gekommen solche Konzepte auch ganz praktisch umzusetzen. Denn laut EHI-Studie wollen die Einzelhändler vor allem ihre IT-Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten. Und vor allem die Optimierung der Warenwirtschaftssysteme und Omnichannel-Lösungen stehen auf Agenda ganz oben an.

Omnichannel Retailing, das heißt die Kundenansprache über verschiedene, vollständig integrierte Kanäle, ist unerlässlich geworden. Deshalb spielten Lösungen, die den Handel beim Umsetzen seiner Omnichannel-Strategien unterstützen, auf der EuroCIS 2019 eine herausragende Rolle. Dazu gehören vor allem Mobile Solutions – sei es zur Unterstützung des Personals im Store, zur Interaktion mit dem Smartphone der Kunden oder zur Umsetzung von Mobile Payment – aber auch die Digitalisierung des POS.

Smart Mirrors, Videowalls oder Virtual Reality sorgen hier für mehr Service und die Emotionalisierung des Einkaufserlebnisses. Aber auch die Themen kassenlose Shops, neue Payment-Methoden und das Internet of Things (IoT) waren auf der Düsseldorfer Messe als Trendthemen unübersehbar.

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Gabriele Müller
Über Gabriele Müller 3 Artikel
Gabriele Müller arbeitet als freie Journalistin in Wuppertal. Sie ist spezialisiert auf die Themenbereiche E-Commerce, HR und CRM.