Commerce: Kommt nach dem Corona-Einbruch der Online-Boom?

Auch wenn aktuelle Umfragen einen massiven Rückgang der Umsätze im Online-Handel durch die weltweite Coronavirus-Pandemie feststellen, wird der E-Commerce langfristig zu den Gewinnern zählen. Denn das Kaufverhalten der Verbraucher ändert sich gerade deutlich und Marktanteile verschieben sich. Händler sollten sich mit einer Omnichannel-Strategie dafür rüsten.

Die Hiobsbotschaften reißen im Moment nicht ab. Nicht nur die Schließung vieler stationärer Geschäfte in den Innenstädten macht dem Einzelhandel schwer zu schaffen. Auch der E-Commerce verzeichnet – zumindest in Deutschland – starke Rückgänge.

So zeigten sich in einer vom Händlerbund durchgeführten Studie 55 % der befragten Unternehmen durch Umsatzeinbußen von der Corona-Krise negativ betroffen und nur 9 % profitieren bisher geschäftlich davon. Lediglich bei mehr als jedem dritten Internet-Händler liefen die Geschäfte im März unverändert weiter.

Unterschiede in den einzelnen Branchen

Doch hängt es sehr stark von der Branche ab, wie sich die Veränderungen durch die Pandemie auswirken. So erlebt der Onlinehandel mit frischen Nahrungsmitteln gerade einen ungeahnten Boom. Das digitale Modegeschäft hingegen vermeldet 20 bis 30 Prozent Umsatzeinbruch, der Geschenke-Markt ist online sogar komplett eingebrochen. Doch dies kann sich schnell wieder umkehren.

Bleiben etwa die stationären Läden bis Ostern geschlossen, werden Verbraucher ihre Ostergeschenke aller Voraussicht nach verstärkt am PC oder mit dem Smartphone bestellen. Kai Hudetz, Geschäftsführer des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH), ist darum überzeugt: „Es ist damit zu rechnen, dass der Onlinehandel langfristig von dieser Krise profitieren wird.“

Unabhängig vom Ausbruch des COVID-19-Virus prognostiziert das Kölner Institut in einer gerade erschienenen Studie, dass mehr als ein Viertel aller Unternehmen im deutschen Einzelhandel bis 2030 verschwinden wird. Als Hauptgrund für den Niedergang nennen die Forscher veränderte Kaufgewohnheiten, allen voran den wachsenden Trend zum Onlineshopping.

Auch deshalb gehören vor allem die Modebranche, der Buchhandel und die Spielwarenläden, aber auch der Handel mit Wohnaccessoires zu den Verlierern. „Die Coronavirus-Krise könnte dafür sorgen, dass die Entwicklung nun im Zeitraffer abläuft”, befürchtet das IFH.

In China kam es zu einem Digitalisierungsschub

Ein Blick nach China, wo die Corona-Pandemie bereits einen ersten Höhepunkt erreicht hat und langsam wieder Normalität einkehrt, lohnt sich deshalb. Denn dort gab es seit Jahresbeginn einen klaren Digitalisierungsschub in allen Bereichen. Nicht nur klassische E-Commerce-Firmen wie Alibaba profitierten davon, sondern auch Konferenz-, Schulungs- oder Dienstleistungsanbieter im medizinischen Bereich.

Die Coronavirus-Krise führt vielerorts zu einem Digitalisierungsschub.

Viele Unternehmen ergänzten in der mehrmonatigen Krisensituation zwangsweise ihr analoges Geschäftsmodell um digitale Services und setzten verstärkt auf Online-Marketing. Der beliebteste Ansatz wurde dabei der Vertrieb über Live-Streaming, etwa im Automobil-Verkauf.

Laut einer schon etwas älteren Studie, in der knapp 1000 Herstellermarken über neun Jahre hinweg beobachtet wurden, entstehen „die größten Marktanteilsgewinne, aber auch die größten Marktanteilsverluste, nicht in Wachstumsphasen, sondern in Phasen des konjunkturellen Abschwungs, die in der Regel nur zehn bis zwölf Monate andauern”. Gleichzeitig zeigt die Studie auch, dass die Marktanteilsverluste während der Krisen auch in längeren Wachstumsphasen nicht mehr aufgeholt werden können.

So gesehen könnte die gegenwärtige Corona-Krise auf der einen Seite – etwa im Falle von angeordneten Schließungen oder von Ausgangssperren –nachteilig für viele analoge Geschäftsmodelle sein, die von einer hohen Kundenfrequenz im Store leben. Auf der anderen Seite besteht dadurch aber auch eine große Chance für alle digitalen Geschäftsmodelle – inklusive einer Omnichannel-Strategie, die Onlinehandel und traditionelle Geschäfte nahtlos miteinander verknüpft.

Erst einmal muss das Überleben gesichert werden

Der E-Commerce-Experte Prof. Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein erwartet zwar, dass „die Coronavirus-Krise nicht das Ende des stationären Einzelhandels sein wird“. Aber sie wirke wie ein Katalysator und beschleunige das Ende vieler kleiner lokaler Händler ohne Internet-Standbein. „Wer jetzt kein Online-Angebot hat, steht ohne funktionierenden Vertriebsweg da und kann die Versäumnisse der Vergangenheit auch kaum nachholen“, warnt auch Kai Hudetz.

Doch Not macht erfinderisch und Einzelhändler, die ihre vorhandene Ware stationär nicht mehr verkaufen können, nutzen dafür inzwischen alle möglichen Online-Kanäle. Neben einem eigenen Webshop zum Beispiel auch soziale Netzwerke oder die digitalen Marktplätze von Amazon oder Alibaba.

Denn jetzt gilt es erst einmal für viele Unternehmen das Überleben zu sichern. Viele Technologieanbieter wie zum Beispiel auch SAP unterstützen ihre Kunden dabei mit dem freien Zugriff auf ausgewählte Supply Chain & Reise-Technologien. „Denn wir sind uns der massiven Auswirkungen auf die globalen Lieferketten bewusst und haben deshalb den kostenlosen Zugang zu SAP Ariba Discovery eröffnet”, heißt es in einem Brief an die Kunden.

So kann jeder Einkäufer seinen unmittelbaren Bedarf angeben und jeder Lieferant mit Kapazitäten kann entsprechend reagieren. Die Teams von TripIt und SAP Litmos bieten auch kostenlose Dienste an, um bei Reiseproblemen und Fernschulungen zu helfen.

Dazu gehört ebenfalls der kostenlose Zugang zu ausgewählten Kursen für Studenten einer der 3.800 Mitgliedsuniversitäten des SAP University Alliance-Programms. Gleichfalls Online-Kurse, die es Lernenden ermöglichen, sich mit Technologie vertraut zu machen, sowie die umfangreichen offenen Online-Kurse (MOOCs), die auf der openSAP-Plattform verfügbar sind.

Auch eine Artikelserie mit aktuellen Ratschlägen im Portal „The Future of Customer Engagement and Experience“ bietet konkrete Hilfestellungen. Und die Session „SAP-Infotage für den Handel“, die bei der virtuellen SAP NOW am 19.3. als Livestream übertragen wurde, kann nun auch jederzeit kostenlos als Aufzeichnung abgerufen werden. Gerade in komplizierten Zeiten wie derzeit, lässt sich hier mancher Denkanstoß finden.

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Wolfgang Müller
Über Wolfgang Müller 10 Artikel
Wolfgang Müller ist freier Journalist in Düsseldorf. Seine Spezialthemen sind E-Commerce, Customer Experience und neue Technologien wie zum Beispiel Blockchain, Virtual Reality oder Künstliche Intelligenz.